„Akzentuierte“ Gedanken zum „Internationalen Tag der Muttersprache“
„Du hast einen süßen Akzent, du kommst aus Österreich, gell?“ Ein ehemaliger Grazer Wissenschaftler fand derartige, sicherlich nett gemeinte Bemerkungen eher nervig. „Seit 1981 lebe ich in Wien, bin österreichischer Staatsbürger, aber sobald ich den Mund aufmache, werde ich als Ausländer wahrgenommen und mit meinem Herkunftsland identifiziert“ – erzählt ein anderer in Wien lebender Wissenschaftler enttäuscht. Tja. Einige Merkmale unserer zuerst erlernten Sprache oder Varietät – die Melodie, die Lautbildung, die Betonung und vieles mehr – bleiben den meisten von uns selbst nach Jahrzehnten in einem anderen sprachlichen Umfeld erhalten.
Ein Beitrag von Anna Gazdik (ÖSZ) und Karin Weitzer (ÖSZ)
Wenn man den Akzent erkennt: Erstsprachensubstrat als potenzielles Berufsrisiko
Kein Wunder, dass schlafende Spione, die über lange Zeit im Zielland unauffällig leben, speziell darin trainiert werden müssen, in der Zielsprache ganz genauso zu klingen, wie Muttersprachler:innen. Die erwartete Sprachkompetenz geht weit über die formalen Merkmale hinaus: Sie dürfen keine Spiegelübersetzungen oder „falsche Freunde“ (ähnliche Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen in den beiden Sprachen) verwenden. Zudem müssen sie die richtigen kulturellen Referenzen, Wertvorstellungen und Verhaltensnormen kennen. Besonders schwierig und sogar gefährlich wird es in Stresssituationen, in denen man - allen Bemühungen und allem Training zum Trotz - fast automatisch auf die Erstsprache zurückgreift: Fluchen, Zählen oder das Ausdrücken grundlegender Emotionen fällt uns in der zuerst erlernten Sprache einfach leichter.
Spione bilden zum Glück eine Ausnahme. Seit der kommunikativen Wende in den 1970er Jahren ist eine perfekte, „muttersprachliche“ Aussprache kein übergeordnetes Ziel mehr im Fremdsprachenunterricht, vielmehr zählt die gelungene Kommunikation. Die Erstsprache ist eine wertvolle Ressource für das Erlernen weiterer Sprachen und sollte daher gefördert werden. Inzwischen herrscht auch Konsens darüber, dass Interferenzen zwischen Sprachen und Sprachmischungen völlig normal sind. Zum Tag der Muttersprache wünschen wir allen Gelassenheit im Umgang mit ihren Erstsprachen und Herkunftsdialekten.
Ausgangspunkt dieser Reflexion ist der International Mother Language Day.
Ursprung und Fakten:
Auf Vorschlag der UNESCO haben die Vereinten Nationen den 21. Februar als Internationalen Tag der Muttersprache ausgerufen. Der Gedenktag zur Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit wird seit 2000 jährlich am 21. Februar begangen.
Historischer Ausgangspunkt war der 21. Februar 1952. In Dhaka, der Hauptstadt des damaligen Ost-Pakistan, fand eine Demonstration gegen den Beschluss der Regierung statt, Urdu zur Amtssprache zu erheben. Urdu war die Sprache der herrschenden Schichten in Pakistan und die Sprache der Muslim-Liga, auf deren Betreiben der Staat Pakistan gegründet wurde. Urdu wurde nur von etwa 3 Prozent der Bevölkerung gesprochen, während über 56 Prozent der Gesamtbevölkerung West- und Ost-Pakistans Bengali (Bangla) als Muttersprache pflegten. In Ost-Bengalen, dem damaligen Ost-Pakistan, lag der Anteil sogar bei 98 Prozent. 1971 erklärte Ost-Bengalen nach neunmonatigem Bürgerkrieg seine Unabhängigkeit von Pakistan, Landessprache im neuen Staat Bangladesch war von da an Bengali.
Von den rund 6.000 Sprachen, die heute weltweit gesprochen werden, sind nach Einschätzung der UNESCO die Hälfte vom Verschwinden bedroht.
Muttersprache - Erstsprache
Im Alltag wird oft der Begriff "Muttersprache" verwendet. Die Linguistik empfiehlt jedoch den Begriff "Erstsprache". Als problematisch gilt beispielsweise, dass der Begriff "Muttersprache" suggeriere, nur Mütter seien für den Spracherwerb zuständig. Angemerkt wird auch, dass der Begriff für die Kinder, die in Heimen aufwachsen, schmerzhaft sein könne.
Allerdings ist "Tag der Muttersprache" der offizielle Begriff der Unesco.
Und wie ist die Situation hinsichtlich der sprachlichen Vielfalt in Österreich?
In Österreich werden rund 250 verschiedene Sprachen gesprochen: neben vielen so genannten Migrationssprachen etwa auch die Österreichische Gebärdensprache und die anerkannten Minderheitensprachen. Hinzu kommen zahlreiche regionale Varietäten und Dialekte.
Mehrsprachige Unterrichtsmaterialien & Bücher sowie Wissenswertes zum Erstsprachenunterricht finden Sie auf der Website www.schule-mehrsprachig.at.